Bayerische Mühlenlandschaft


Vergangenheit

Mühlenvielfalt

Schon die Römer kannten das Prinzip der Vermahlung zwischen zwei Mühlsteinen. Mit seinen vielen Gewässern bietet Bayern seit jeher die besten Voraussetzungen zur Anlage von Wassermühlen. Oft reihte sich an den Flussläufen Mühle an Mühle.

Den hierzulande oft zu findenden Begriff "Kunstmühle" legten sich etwa um die Jahrhundertwende diejenigen Mühlen zu, die von den altbekannten Steinmahlgängen auf Walzenstühle übergingen und ihre Vermahlungstechnologie mit großen Investitionen, auch in Reinigungs- und Siebverfahren, den neuen Erfindungen angepasst hatten.

Im Jahr 1946 gab es in Bayern 4440 gemeldete Getreidemühlen. Mehrere Stillegungsaktionen ließ ihre Anzahl in der Vergangenheit stark abnehmen:  3640 in 1957, 1196 in 1974. Die Vielzahl der Mühlen waren Kundenmühlen (Umtauschmüllerei). Nur wenige konnten sich als "Handelsmühle" für den heutigen Markt ausbilden.



Gegenwart

Getreidemühlen als Lebensmittelbetriebe

Die verbliebenen Mühlen wurden durch Modernisierungen auch in Bayern immer leistungsstärker. 2019 wurden fast 1,5 Millionen Tonnen Getreide zu Mehl vermahlen, 52 Mühlen waren gemeldet (Quelle: Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, "Struktur der Mühlenwirtschaft"). Die Meldepflicht beginnt heute erst ab einer Jahresvermahlung von über 1000 Tonnen. Im Gegensatz zu anderen Bundesländern haben sich in Bayern noch viele produzierende Familienbetriebe erhalten.

 

 



Zukunft

Technikgeschichte bewahren

Die Vielfalt der noch existierenden alten Mühlen in die Zukunft zu retten, ist eine kulturhistorische Herausforderung. Hierfür braucht es Enthusiasten und Idealisten, die mit Sinn und Verstand die Werte unserer Väter und Großväter bewahren. Von den stillgelegten Mühlen sind wenige dauerhaft erhalten. Schöne und interessante Objekte werden im besten Fall von Freunden traditioneller Mühlentechnik bewahrt oder restauriert. Im schlechtesten Fall werden verfallene Mühlen als unrentabler Schandfleck abgestempelt und beseitigt.

Um dies zu verhindern, arbeitet der Bayerische Landesverband für Mühlenkunde und Mühlenerhaltung e.V. eng mit dem Bayerischen Müllerbund e.V. zusammen, der seinerseits mit der Vereinigung Wasserkraftwerke in Bayern e.V. kooperiert.

 



Kulturhistorischer Abriss zur Müllerei

Die Mühlen, einst unentbehrliche Stätten der Produktion, Begegnung, des Austausches und der technischen Innovation, sind heute weitgehend aus dem Wahrnehmungshorizont der Gesellschaft verschwunden. Gleichzeitig mit dem langsamen, unaufhaltsam scheinenden Verschwinden der alten Mühlen stilisierten Künstler, Dichter und Heimatforscher die Mühle zu einem romantischen Ort und zeichneten ein geschöntes, oft falsches Bild der Alltagswirklichkeit.

 

Obgleich die Blütezeit der wassergetriebenen Mühlen zum Ende des 19. Jahrhunderts längst überschritten war, gibt es heute noch eine ungewöhnliche Vielfalt an Bauweisen und technischer Ausstattung in der altbayerischen, schwäbischen und fränkischen Mühlenlandschaft. Beeinflusst von den jeweiligen topographischen Gegebenheiten, wirtschaftlichen Entwicklungen, handwerklichen Fertigkeiten, aber auch von den rechtlichen Besonderheiten entstand eine Vielfalt von Mühlentypen, die immer wieder die Begeisterung technik- oder sozialgeschichtlich interessierter Menschen entfachen.

 

Im Lauf der Jahrhunderte fand die Mühlentechnik in nahezu allen Bereichen des Handwerks und der frühen Industrie - hier unter anderem im Bergbau und der Erzverhüttung - Anwendung. Mühlen mahlten seit dem Mittelalter nicht nur Korn, sondern hämmerten, stampften, pochten, schnitten, schliffen, zogen, wälzten, sägten, betrieben Pumpen und unterschiedlichste Maschinen, fachten Schmelzöfen an, hoben Lasten, bewässerten Ackerland und wurden zur Entwässerung von Sümpfen und zur Melioration von Mooren eingesetzt. Im deutschsprachigen Raum sind seit dem Mittelalter, in dem die Mühle die universelle Maschine war, über 150 unterschiedliche Anwendungsmöglichkeiten der Mühlentechnik nachweisbar.

 

Die Leistungsfähigkeit der Mühlen wurde weitestgehend bestimmt vom Wasserangebot, das durch wasserbauliche Maßnahmen optimiert wurde, die wiederum zum Entstehen der heutigen, als schützenswert empfundenen Kulturlandschaft beitrugen. So ist die Mäanderbildung mancher bayerischer Flüsse meist eine direkte Folge mittelalterlichen beziehungsweise frühneuzeitlichen Wasserbaus und keineswegs eine heute als idyllisch empfundene Laune der Natur.

 

Die Entwicklung der traditionellen Kornwassermühle zum Antriebs- und Maschinenensemble für nahezu alle Gewerbe führte zur Aufnahme des Wasserrechts in die regionalen Mühlenordnungen, die in Altbayern, in Schwaben und dem ehemaligen fränkischen Reichskreis im Detail oft gravierende Unterschiede aufweisen. Die im 16. und 17. Jahrhundert einsetzende Dominanz des Wasserrechts zeigt einerseits das Ende des quantitativen Mühlenwachstums und den Mangel an Wasserkraft innerhalb des Geltungsbereiches der Mühlenordnungen an, andererseits zwang diese Dominanz zur Verbesserung der Mühlentechnik und weckte damit den Erfindergeist.

 

Die Landesherren reglementierten den Ausbau der Wasserkraftanlagen zugunsten der Agrarwirtschaft. Jeder Wassermühle wurde eine maximale Stauhöhe zugewiesen. Der Eichpfahl, auf dem die maximale Stauhöhe markiert war, symbolisiert seither den Kompromiss zwischen agrarischer und gewerblicher Wirtschaft. Die Höchstmarke war die Grundlage eines einklagbaren, verkäuflichen Besitzrechtes, das große Rechtssicherheit genoss und dazu führte, dass Kaufleute ihr Kapital sicher in Mühlen anlegen konnten. Unter der Leitung dieser kaufmännisch denkenden Unternehmer begann in den Zeiten des Merkantilismus der qualitative Wandel im Mühlenwesen.

 

Die energietechnische Barriere, die das - begrenzte - Wasser darstellte, wurde durch vielfältige technische Verbesserungen der Gerinne, Wasserräder, Getriebe und Arbeitsmaschinen überwunden. Es wurde ein technologischer und betriebswirtschaftlicher Innovationsschub ausgelöst, der in der industriellen Revolution mündete, die letztlich wiederum das Ende der "alten” Mühlen einläutete und schließlich zu ihrer zwar gutgemeinten, aber falsch verstandenen Romantisierung führte.